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Da ist kein Wurm (mehr) drin

2019 November 10 by

Fechenheim Europäischer Tag der Restaurierung wird am Sonntag gefeiert – auch am Main

Quellenangabe: Frankfurter Neue Presse vom 10.10.2019
 
der Frankfurter Restaurator, Tischlermeister und Sachverständige Christoph Dettmering
 
Seit genau 25 Jahren restauriert, hegt und pflegt Christoph Dettmering in seinem Atelier penibel alles, was aus Holz ist.
Foto: Holger Menzel

Der Blick ins Atelier ist vor allem eines: Atemberaubend. Es riecht nach Leinöl, Schellack, Alkohol und vor allem nach Holz. Vom Boden bis zur Decke türmen sich in mehreren Räumen Schränke, Kommoden, Schaukelpferde, Kinderwiegen, Stühle, Türen und noch viel mehr. Schubladen und Fächer großer antiker Apothekenschränke sind penibel beschriftet mit “Köpfe”, “Mahagoni”, “Eibe”, “Eiche”, “Rosenholz”, “Ebenholz” oder “Pflaume”. Vitrinen sind voller verschnörkelter Schlösser und Schlüssel, Blattgold, Schildpatt und fein gesägtem Messing. Christoph Dettmering (56) beugt sich über einen mit abgeschabtem Leder bezogenen Stuhl und löst vorsichtig mit einer Zange eine Knopfleiste. “Der gehört zu 22 Stühlen, die wir für das Städelmuseum restaurieren”, sagt er wie nebenbei und konzentriert sich darauf, mit einem Polierballen in sanften kreisrunden Bewegungen Schellack aufzutragen.
Dettmering lebt seinen Traum. Der Tischlermeister und Restaurator trägt Jeans und eine sportliche Brille an seinen Werkbänken. An der Wand hängt ein prächtiger Spiegel mit Blattgoldverzierungen im Rahmen aus dem 19. Jahrhundert. “Der ist jemandem runtergefallen. Der Rahmen war gerissen, ganz viele Verzierungen waren abgebrochen”, sagt er. Davon ist nichts mehr zu erkennen. Die Lackschichten hatte der Restaurator vorsichtig abgelöst, zerbrochene Teile wieder zusammengefügt und modelliert. Alltag für den Künstler, der auch ein dreijähriges Stipendium des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft in Venedig am Europäischen Zentrum für Denkmalpflege absolviert hat. 1993 hat er sich im Nordend selbstständig gemacht, seit 2001 arbeitet er mit seinem Team in Fechenheim. Am Sonntag wird gefeiert. “Es passt einfach zusammen”, so Dettmering lächelnd. “Überall wird der Europäische Tag der Restaurierung gefeiert und wir haben unser 25. Jubiläum.”

Erinnerung als Wert

Er will zeigen, was den Beruf Restaurateur ausmacht. Ob abgebrochene Stuhlbeine von Privatmöbeln, die alte Drogerie im Kindermuseum Frankfurt, die prächtigen Eingangstüren der Hans-Böckler-Schule, Intarsien in Schlössern oder eine historische Weltkarte der Air-France, die heute im Air-France-Sitzungssaal in Paris hängt – es gibt nichts, was er nicht wieder in altem Glanz erstrahlen lässt. Von Renaissance bis Biedermeier, von Jugendstil bis Art Deco bis zu Möbelklassikern der Moderne. “Mir sind die Objekte wichtig und dass sie erhalten werden. Die meisten antiken Stücke haben ihren wahren Wert in der Erinnerung. Das gilt für Möbel in Privathaushalten ebenso wie in Museen und Schlössern”, ist der freundliche Praktiker überzeugt. Das Netzwerk aus Spezialisten vom Reinigen bis zum Polstern lässt Altes in der jetzigen Zeit leben. “Holz wurde früher jahrelang gelagert, bis es genutzt wurde. Auch das Heizen war völlig anders”, erklärt Dettmering die Notwendigkeit, antike Möbel zu konservieren.

Den Charme erhalten

Er erhält wertvolle Patina und Alterungspuren. Abschleifen ist für ihn absolutes Tabu. “Damit Charme und Geschichte erhalten wird.” Das gilt für die Restaurierung des Parkettbodens im Schloss Bad Homburg ebenso, wie für den Telefonschrank der Kaiserin, die einen Frankfurter Schrank dafür umgebaut hatte. Oder auch für Designerstühle.
Am Sonntag kann jeder das Atelier besichtigen. Zwischen 11 und 17 Uhr öffnet Dettmering die Türen seiner Werkstatt in der Salzschlirfer Straße 18. Bei Live-Musik, Riesling und Sekt, Kaffee, Streuselkuchen und Quiche. Besucher können ihm beim Restaurieren über die Schulter schauen, seine Arbeiten über einen Beamer bestaunen oder traditionelle Techniken und Materialien des Restaurateurs kennenlernen.
Wer mag, kann eigene Objekte mitbringen und sich beraten lassen, wie Uromas Schätzchen wieder frisch und strahlend wird.

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Kunstwerk aus Leim, Lack und Holz

2019 August 4 by

Tischlermeister Christoph Dettmering hat für Air France KLM eine alte Weltkarte restauriert

Als Jean Signoret die alte Weltkar­te aus Holz in der deutschen Niederlassung der Air France, nahe der Zeil in Frankfurt am Main, entdeckte, wusste er, dass es sich um einen besonderen Fund handelt. Signoret ist Präsident des Air-France-Museums in Paris. I)ie Karte zeigt neben alten Flugrouten der Air France, die seit dem Jahr 1953 bedient wurden, auch Ölmalereien. Diese stehen stellvertretend für einen Kontinent. Australien zum Beispiel ziert ein Känguru. Viel ist über die Geschichte des Stückes nicht bekannt. Auch der Hersteller, die Firma Bembe, hat in ihren Archiven keine Unterlagen mehr über die Karte mit den Maßen 250 mal 120 Zentimeter.

Restauriert wurde die Weltkarte in der Werkstatt des Frankfurter Restaurators und Tischlermeisters Christoph Dettmering. Seit fast 25 Jahren ist sein Betrieb weit über das Rhein­Main-Gebiet hinaus bekannt. Der Fachbetrieb beschäftigt sich in erster Linie mit der Restaurierung und Konservierung von Möbeln und Holzobjekten. Dettmering musste zugeben: Ein so großes und bedeutendes Stück hatte er noch nicht in seiner Werkstatt. Der Restaurator sieht den Herstellungszeitraum in den 1950er-Jahren, was sich mit dem Zeitraum der Flugrouten deckt.

Bei der Voruntersuchung stellte Dettmering unter anderem lose Farbschollen an den Ölmalereien fest. Sie entstehen, wenn die Farbe brüchig und rissig wird. Der originale Lack, ein Nitrozelluloselack, war trotz schlechter Alterungseigenschaften gut erhalten. Das sei der guten Lagerung ohne intensive Sonneneinstrahlung zu verdanken sagt der Experte. Hätte der Lack abgenommen werden müssen, wäre ein wichtiges Zeitdokument von kunsthistorischer Bedeutung verloren gegangen. Dettmering konzentrierte sich bei seiner Arbeit schließlich auf die Konservie­rung und beschreibt den Aufbau der Weltkarte so: Als Trägerplatte wurde eine Tischlerplatte mit einer Mittellage aus Nadelholz gewählt. Für die aufgeklebten Messerfurniere wurden verschiedene Holzarten verwendet. Messerfurniere oder auch Binnenfurniere werden so genannt, weil das Furnier nicht mit der Säge, sondern industriell produziert wurde. Heikel hätte es werden können, wenn es durch die nur einseitig beklebte Trägerplatte zu Verformungen gekommen wäre. Das verhinderte jedoch die erstklassige Ausführung zur Entstehungszeit sowie ein Gerüst aus Nadelholz auf der Rückseite.

Bevor die Restaurierungsarbeiten beginnen konnten, musste die Karte gründlich gereinigt werden. Dazu wurde die Oberfläche abgesaugt und abgepinselt sowie lose Furniere wurden mit speziellen Klebebändern gesichert. Im Anschluss folgte eine Reinigung mit Lösungsmitteln. Dafür musste Dettmering verschiedene Methoden anwenden, da sich der Lack weder ablösen noch verändern oder in das Holz eindringen durfte.

Die teilweise losen Furniere wurden mit Glutinleimen, genauer Hasen- und Fischleimen, wieder mit der Trägerplatte verbunden. Diese Leime werden aus der Haut und den Knochen oder Gräten von Tieren hergestellt. Aufgrund der Größe des Objektes griff die Werkstatt auf eine Vorrichtung mit Gewichten und Hydraulikstühlen zurück, die die Furniere von der Decke aus niederdrückten. Die Restauratoren mussten sehr behutsam arbeiten, um hervorquellenden Leim zu entfernen und so Lackbeschädigungen vorzubeugen.

Nachdem die Leime getrocknet waren, wurden die Arbeiten am Gesamtwerk fortgesetzt. Die Restauratoren konnten die Schollenbildung an den Ölmalereien eindämmen und fehlende Stellen auffüllen und retuschieren. Zum Glück war die Weltkarte, wie Dettmering sagt, mit allen Furnieren, Malereien und der Lackoberfläche weitgehend original erhalten.

Die Arbeit des Frankfurter Spezialisten fand in der französischen Hauptstadt großes Gefallen. Als historisches Dokument hängt die Weltkarte aus Holz jetzt im Pariser Sitzungssaal des Verwaltungsrats der Fluggesellschaft Air France KLM.

Von Daniel Krause

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Am liebsten erhaltend arbeiten

2019 August 4 by

Artikel in der Zeitschrift „exakt“, Ausgabe 11/2017

 

Am liebsten erhaltend arbeiten

Christoph Dettmering wollte eigentlich Pfarrer werden – entschied sich dann ober für den Beruf des Restaurators. Bei seiner Arbeit muss der Schreinermeister handwerkliche Fähigkeiten mit kunstgeschichtlichem Wissen verbinden, um den sehr unterschiedlichen Möbeln und Holzobjekten, die man ihm anvertraut, gerecht zu werden.

 

Wenn Christoph Denmering in seiner mit alten Hölzern, antiken Beschlägen und anderen interessanten Materialien gefüllten Werkstatt zum Hobel greift, geht er vorsichtig zur Sache. Schließlich hat der Stuhl, den er bearbeitet, einen hohen Wert – und sei es nur ein emotionaler Wert für dessen Besitzer. Oberflächenbehandlungen, Marketerie, Intarsien, Vergoldungen – die Anforderungen an einen Restaurator sind vielseitig. „Es ist ein breites Spektrum an Wissen nötig, um eine gute Restaurierung durchzuführen. Im Grunde genommen erfordert sie aber zunächst eine journalistische Tätigkeit”, sagt Dettmering, der seinen Beruf seit gut 30 Jahren ausübt. Man muss für die Befunduntersuchung das Möbelstück und dessen Restaurierung detailliert beschreiben und fotografieren”. Und dann müsse ein Restaurator natürlich die alten Handwerkstechniken, die frühere Möbelschreiner beherrschten, ebenfalls beherrschen. Er muss perfekt mit, Stemmeisen, Säge und anderen Schreinerwerkzeugen umgehen können. Die alten Möbel sind ja ehrlich und gut gebaut, mit sehr viel Liebe zum Detail“, erzählt der 54-Jährige. Und er müsse in der Lage sein, künstlerische Ergänzungen in verschiedenen Materialien, Perlmutt, Messing, oder Schildpatt vorzunehmen, „das ist schon eine kunsthandwerkliche Tätigkeit.“ Auch in der Stilkunde sollte er sich sehr gut auskennen, sowie „die gesamte Architektur verstanden haben, und das auf den Möbelbau übertragen können, beides steht ja in enger Beziehung.“

Christoph Dettmering konzentriert bei der Arbeit. Foto: Ulrike Frenkel

Gelernt hat Dettmering das alles auf ganz eigene Weise. Wie sein Vater und Großvater studierde er zunächst Theologie, brach aber nach drei Semestern ab, weil ihm klar wurde, dass er immer schon den Wunsch gehabt habe, etwas Handwerkliches zu machen. Er entdeckte seine Liebe zum Holz und wollte anfangs eher in Richtung Möbeldesign gehen. Während seiner Ausbildung bei der Kunsttischerei H. Faltus in Linden kümmerte er sich dann „immer ein bisschen um die alten Dinge, die dort so vorbeigebracht wurden“ und entdeckte, dass Restaurator ein eigenständiger Beruf ist. Die Ausbildungssituation war damals, vor über 30 Jahren, im Umbruch: „Die akademischen Restauratoren fingen an, sich vom Handwerk abzugrenzen. Daraus entwickelte sich der heutige Studiengang“.

Christoph Dettmering hat dann nicht studiert, ging aber einen Ausbildungsweg, der nicht rein handwerklich war, sondern auch der akademischen Ausbildung zugewandt“. Bald nach der Gesellenprüfung im Jahr 1987 trat er eine Volontärsstelle in Mannheim an, weitere drei Jahre arbeitete er bei einem Tischler und Restaurator in Kronberg und durfte als Stipendiat ans Europäische Zentrum für Denkmalpflege in Venedig gehen. Nach der Meisterprüfung 1993 („ich dachte mir, wenn die Zeiten mal nicht mehr so rosig sind, kann ich auch noch als Tischler arbeiten“) eröffnete er eine eigene Werkstatt für Möbel und Holzobjekte in Frankfurt. Mit Erfolg: „Wir sind ein vor allem im Rhein-Main-Gebiet aber auch bundesweit anrrkanner Restaurierungsbetrieb, wir haben unter anderem für die Neueröffnung des Mannheimer Schlosses Möbel restauriert. Auch die hölzerne Inneneinrichtung eines Bentleys und eine große Weltkarte, die in Frankfurt wiederentdeckt wurde und jetzt im Pariser Air France-Museum hängt hat man uns anvertraut“, erzählt der dreifache Vater, der auch noch als Sachverständiger der Handwerkskammer tätig ist. Die Werkstatt teile er mit seiner langjährigen Kollegin Sylke Rös, die sich vor allem in Sachen Oberflächen gut auskennt – die beiden teilen eine Berufsphilosophie.

Erhalten geht vor Erneuern

„Wir bleiben unserer eigenen Linie sehr treu, dass wir am liebsten konservatorisch, also erhaltend arbeiten und keine großen Eingriffe ins Mobiliar machen”, erklärt Christoph Dettmering. Manchmal sei das natürlich nicht möglich – wenn eine Kommode eine kaputte Laufkonstruktion hat, muss die ergänzt werden. „Das kann man aber auf sehr unterschiedliche Weise machen, möglichst wenig von der Originalsubstanz wegschneiden oder eine ganze Seitenwand austauschen. Wir sprechen das immer individuell mit unseren Kunden ab. Oft ist das auch eine Preisfrage“, erläutert der Fachmann.

Es kommen viele Privatkunden zu ihm, aber auch für große Hotels, Banken und Auktionshäuser hat er schon Reparatur-und Retuschierarbeiten ausgeführt. Obwohl übers lnternet ebenfalls Kunden akquiriere werden, ist in Zeiten der Digitalisierung für ihn das Geschäft nicht unbedingt leichter geworden – wir arbeiten in einem Luxussegment, und Antiquitäten sind derzeit nicht mehr so gefragt“, erklärt er. Unter anderem liegt das daran, dass Wohnungen immer kleiner werden, junge Leute mobil und flexibel sein müssen und ihr Geld eher für Computer und Reisen ausgeben als für teure Einrichtungsgegenstände. Dettmering findet allerdings, „dass in jeden Haushalt zumindest ein altes Möbel gehört, um eine schöne Mischung herzustellen“. Deshalb setze er sich für die Erhaltung des alten Handwerks ein, betreibt viel Öffentlichkeitsarbeit, „damit diese alten Techniken nicht in Vergessenheit geraten” und veranstaltet Kurse zum Thema in seiner Werkstatt.

Trotz derzeit etwas geringerer Nachfrage: Aufgeben will er nicht. „Ich denke, dass nach dieser momentanen Flaute die Nachfrage nach Antikem auch wieder steigen wird“, sagt er. Wenn nicht vor Ort dann anderswo. „Wir haben ja ein tolles Kunsthandwerk in Deutschland, und ich könnte mir vorstellen, dass hier restaurierte Möbel irgendwann zum Beispiel nach China wandern, da ist das Interesse an europäischem Kulturgut groß.“

Ulrike Frenkel / Magazin „exakt“, 11/2017

 

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